Typ-1-Diabetiker, von einem Tag auf den anderen. Was die Diagnose für mich bedeutet hat, wie ich damit umgegangen bin und meine erste Zeit danach beschreibe ich hier.

Typ-1-Diabetiker - ab jetzt, zuckerkrank

... ich kann mich so genau erinnern als ob es gestern gewesen ist, dabei ist es schon mittlerweile mehr als 20 Jahre her.

Da sitze ich mit meinen 15 Jahren im Februar '99 und starre auf ein kleines Display. Nach einem kurzen Stich in den Finger erscheint gleich ein paar Sekunden später die Zahl "220".

Der Arzt sagt nüchtern: "es ist eindeutig, es müssen auch keine weiteren Tests gemacht werden". Typ-1 Diabetiker. 

Ich weiß nur, dass meine Mutter gleich angefangen hat zu weinen. Warum war mir nicht so ganz klar. Ich saß einfach nur da und starrte auf das Display.

Für mich war es irgendwie merkwürdig, ich habe nichts besonderes gefühlt, vielleicht auch weil ich in dieser Minute nicht wusste, was ich mit dieser Information anfangen soll.

Welche Veränderungen auf mich zu kommen sollen oder welchen Einfluss diese Diagnose auf mein zukünftiges Leben haben wird, all das konnte ich damals nicht vorstellen.

Ich wusste nur, dass ich ab jetzt offensichtlich Typ-1-Diabetiker - zuckerkrank bin - und dass es offensichtlich nichts Gutes ist.

Einschulung und Diabetes

im Krankenhaus angekommen wurde ich von den Ärzten großartig betreut. Alle nahmen sich sehr viel Zeit und Geduld.

Mir wurde alles genau erklärt. Auch dass es mehrere Arten von Diabetes gibt. Ich hatte Diabetes Typ 1 oder juvenilen Diabetes.

Ein paar Monate davor war ich krank und hatte hohes Fieber mit Schüttelfrost. Meine Abwehrzellen haben einfach nicht mehr aufgehört zu arbeiten nachdem ich gesund war, sondern haben meine Bauchspeicheldrüse attackiert bis diese aufgehört hat Insulin zu produzieren.

Meine Ärztin sagte damals, dass ich einfach Pech gehabt habe.

Während meine Freunde die letzten Ferientage genossen, musste ich unter anderem lernen, dass 20g Weißmehl 12g Kohlenhydrate sind und ich bei einem 1:1 Verhältnis und einem Blutzucker zwischen 80mg/dl und 150 mgl/dl auch nur eine Insulineinheit spritzen muss.

Basis- und Basalinsulin wurden erklärt. Warum ich unbedingt, auch wenn ich nicht esse, spritzen muss. Warum ich auf Ketonteststreifen pinkeln muss und was die Zielwerte von meinem Blutzucker sind.

Ich konnte einfach nicht glauben, dass beinah jeder Bereich davon betroffen ist. Sport machen? Klar, aber zuerst, Blutzucker messen, dann eine Sport BE zu mir nehmen, während dem Sport messen etc.

Ich musste alles über Ernährung lernen und wie ich Sachen abschätzen kann, wenn ich auswärts esse. Es war alles sehr kompliziert. Meine erste Nährwerttabelle habe ich immer noch und schaue auch noch ab und zu rein.

Meine Diabetestherapie

Gleich zu Beginn habe ich mich für die BBIT - Basis Bolus Insulintherapie entschieden. Hier musste ich zwei Mal am Tag das Basis- bzw. Langzeitinsulin spritzen und dann zu jeder Mahlzeit das Mahlzeiteninsulin.

Ich kann mich an die mitleiderregenden Blicke von Bekannten und Verwandten erinnern. Ich müsste ja an einem sehr schlimmen Diabetes erkrankt sein, wenn ich so oft spritzen muss.

Zum Glück waren mir diese Kommentare sowie die Ratschläge ziemlich egal. Mir gab die BBIT die Freiheit wann und so viel wie ich wollte zu essen.

Freiheit und Flexibilität waren und sind mir immer noch sehr wichtig.

Typ 1 Diabetiker - mein Alltag - jetzt wird's ernst

Für mich war nach dem Krankenhaus alles neu. Kohlenhydrate, Insulin, Broteinheiten, Blutzucker messen waren nicht in meinem Tagesablauf eingebaut, vor allem die erste Zeit.

Ich war stundenlang ohne Pen oder Messgerät unterwegs, einfach weil ich nicht daran gedacht habe. Gegessen und Insulin vergessen? Kam auch oft vor. Heutzutage kann ich mir nichts davon vorstellen.

Jetzt ist es genau das Gegenteil. Diabetes ist immer im Kopf präsent, überall, die ganze Zeit. Heute wäre ich froh, wenn ich es mal nicht im Kopf hätte.

Was wäre ich froh, wenn ich einfach Mal so aus dem Haus gehen könnte. Keine Gedanken an Restinsulin im Körper! Hypoglykämisches Risik! Genug Traubenzucker mit? Reicht mein Insulin aus? Zu heiß oder zu kalt heute? Hmmm

Ich war immer selbstständig. Selber Kohlenhydrate berechnen, Insulin spritzen, mich alleine um alles kümmern war für mich selbstverständlich. Auch weiter sehr aktiv sein und viel Sport machen. Das behielt ich mir bei. Meine Mutter hat damals meine Lehrer informiert. Ich wollte es aber nicht wirklich thematisieren.

Das ist immer noch so. Lehrer, Mitschüler, Studienkollegen, Lektoren, Arbeitgeber, Kollegen in der Arbeit etc. habe ich auch nie wirklich informiert.

Ich denke, das kommt vor allem aus der Anfangszeit, wo viele einfach sehr schlecht informiert waren (und immer mindestens einen Diabetiker kannten der mindestens ein Körperteil aufgrund von Diabetes verloren hat) und ich wollte nicht, dass man mich in den gleichen Topf wirft. Die Leute sollten mich als Person zuerst kennen lernen.

Ich war immer relativ gut eingestellt. Mein HbA1C war nur ein oder zwei Mal in meiner Diabetiker-Laufbahn bei 7%. Ansonsten immer weit darunter.

Ich hatte noch nie eine Situation, in der ich mir nicht selber helfen konnte. Strategien zur Vermeidung von schweren Hypo's habe ich immer im Kopf. Ketoazidose habe ich bisher auch nie gehabt. Obwohl es natürlich sehr viele sehr brenzlige Situationen gab.

Heute benutze ich mein Dexcom als CGM und meine Omni-Pod Insulinpumpe. Beide Geräte will ich nie wieder missen müssen. So viel Lebensqualität gewonnen. Und obwohl ich sehr dankbar bin für alle Geräte, für den Zugang zur Medizin und Insulin, die großartige Unterstützung der Ärzte und Diabetesberater kann ich die Zahl wie oft ich mein Messgerät oder mein OmniPod PDM gegen die Wand werfen wollte gar nicht zählen.

Es ist schwer zu beschreiben wie man sich fühlt, wenn man Insulin spritzt und es tut sich ......... einfach nichts. Naja, es ist extrem Scheiße. 

An einem Tag esse ich Müsli und bin innerhalb von Minuten so unterzuckert, dass ich mich frage, ob ich nur Milch getrunken hab und am nächsten Tag bin ich so hoch, dass mein Müsli scheinbar nur aus Gummibärchen bestand.

Eine wichtige Sache ist aber noch offen. Warum Diabetoholic? Ganz einfach. Jemand der nur den Beruf im Kopf hat, ist ein Workaholic. Jemand der nur Shopping im Kopf hat, ist ein Shoppaholic. Und ich, naja da Diabetes so viel Platz in meinem Leben hat, bin eben ein Diabetoholic.


Schau auch ich meinem Blog vorbei. Du findest sicher viele hilfreiche Tipps & Tricks.

Dein

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